E10 oder wie kann sein, was nicht sein darf?
„Die Politik hat die Verbraucher unterschätzt“, „Biosprit Boykott“, „Unionspolitiker wollen E10 wieder abschaffen“. So oder so ähnlich lauten die heutigen Überschriften die von einem exemplarischen Versagen der Politik in einem Bereich künden, der eigentlich zur Kernkompetenz dieser Zunft zählen sollte: Der Kommunikation.
Einmal davon abgesehen, wie irreführend die Bezeichnung „Biosprit“ tatsächlich ist, stell sich aktuell die Frage, wie die Einführung dieser Treibstoffgruppe von einer derart mangelhaft orchestrierten Informationsstrategie seitens der Politik begleitet werden kann. Es hätte nicht viel bedurft. Die eine, für die Verbraucher relevante Frage nach der Verträglichkeit des Treibstoffs mit ihren Automodellen, wäre durch eine frühzeitig eingeleitete Informationskampagne unter Einbeziehung der vorhanden Online-Portale der Bundesregierung und involvierten Spitzenverbände, leicht zu beantworten gewesen. Warum aber ist nichts in dieser Richtung geschehen?
Ich bin der Überzeugung, dass die Politik einer Qualität wenig Bedeutung beimisst, die innerhalb unserer Branche mittlerweile als Grundvoraussetzung für Erfolg egal welcher Unternehmungen gilt: Die Dialogbereitschaft. Die Latte Macchiato trinkenden Spatzen zwischen Hackescher Markt und Odeons Platz pfeifen es mittlerweile seit einigen Jahren von den Dächern, dass die Fähigkeit, Bedürfnisse und Anliegen von Kunden bzw. Bürgern durch die Bereitstellung von Dialog-Foren, virtuell (Facebook, Blogs, Foren etc.) oder physisch (Befragungen, Podiumsdiskussionen etc.), zu erfassen, längst mehr ein „must have“ denn ein „nice to have“ ist. Aber wie bereits am Beispiel von Stuttgart 21 deutlich wurde, tut sich die Politik mit der Umsetzung dieser Erkenntnis schwerer als man annehmen dürfte. Für die absolut notwendige Modernisierung der Bundesrepublik in den Bereichen Bildung, Integration, Forschung und Steuerrecht allerdings wird es unvermeidlich sein, diese Defizite im Bereich der Dialogkommunikation effektiv auszuräumen, um die gesamtgesellschaftlichen Kraftanstrengungen animieren zu können.
Wette verloren…. Zum Glück!
Zu Guttenberg ist soeben zurückgetreten. Bei aller Kritik, die auch ich in den vergangenen Tagen an ihm geübt habe muss ich sagen, dass seine eben übertragene Rücktrittserklärung in überraschender Art und Weise den richtigen Ton getroffen hat. Ausnahmsweise ging der Verteidigungsminister a.D. nicht zum Gegenangriff auf seine Kritiker über, sondern übte sich in wohldosierter Einsicht und Demut. So fehlgeleitet seine Kommunikation der letzten zwei Wochen auch war, so gelungen ist ihm der, wahrscheinlich nur vorläufige, Rückzug aus dem Kabinett.
Spiegel vs. Bild
Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich gestern die Titelstory der aktuellen Spiegelausgabe gelesen habe. Da polemisiert das mediale Flaggschiff der Guido Knopp Jünger und links-bürgerlicher Islamkritiker gegen den Primus des europäischen Boulevardjournalismus. Tatsächlich habe ich mich auf den Beitrag gefreut. Nicht so sehr, weil ich mir neue Erkenntnisse über die fragwürdigen Praktiken oder die teils verheerenden Auswirkungen des Bildjournalismus erhofft hatte. Vielmehr glaubte ich, in dieser Form der Auseinandersetzung viel über das Selbstverständnis des Lordsiegelbewahrers des seriösen Magazin-Journalismus zu lernen. Denn die Betrachtung des Anderen verrät in der Regel viel über die Selbstwahrnehmung.
Ich las dort, dass der Spiegel nach wie vor den Anspruch hat, sich im Kontrast zu dem Siegeszug der Profanität im deutschen Blätterwald, als Bastion des scharf analysierenden, nüchtern kommentierenden und umfassenden informierenden Journalismus zu gerieren. Allein ein Blick auf die Titelblätter des Spiegel im vergangenen Jahr und der tägliche Niveau-Limbo, den die Redaktion des Spiegel-Online Portals Tag für Tag vollführt zeigt, dass die Wochenzeitung längst das geworden ist, was eine meiner Professorin schon vor Jahren als die „Bildzeitung der Intellektuellen“ bezeichnet hat. Das mag am Erfolg der Konkurrenzprodukte wie dem Focus liegen. Tatsächlich aber bedient auch der Spiegel zunehmend die Lust seiner Leserschaft an Emotionen, Dramen und der Verdichtung von Komplexität auf ein Minimum. Umso amüsanter wirkte der Versuch des Spiegel Redakteurs Ullrich Fichtners, im Interview mit Kai Dieckmann seinen Arbeitgeber in eine Reihe mit Medien wie der Zeit und der FAZ zu stellen.
Was wir von Loriot über die politische Kultur in Deutschland lernen können
Einen Sketch von Loriot anzuschauen hat den unweigerlichen Effekt, dass man danach viel gelacht und noch mehr über die Menschen gelernt hat. So auch in diesem Fall.
Das Guttenberg Dilemma
Die Universität Bayreuth hat vor wenigen Minuten bekannt gegeben, dass Sie Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, wohlmerklich auf dessen ausdrücklichen Wunsch, entzieht. Zuvor lavierte sich der Verteidigungsminister erfolgreich durch die Befragung im Parlament. Eine ebenfalls am heutigen Abend veröffentlichte Umfrage im Auftrag des ARD-Programms „Hart aber fair“ belegt, dass zu Guttenbergs Beliebtheit in der Bevölkerung gestiegen ist. Von Anfang des Monats 68 auf aktuell 72 Prozent. Nicht nur auf den ersten Blick ein augenscheinlicher Widerspruch.
Das Zusammenfallen beider Ereignisse offenbart lediglich einen Riss, der zwischen der Politik als geschlossenem System und der Bevölkerung verläuft und der sich, spätestens seit heute Abend für alle sichtbar, durch die Entwicklung im Fall zu Guttenberg verbreitert hat. Interessant daran ist, dass die Motive für das tiefe Misstrauen, das die politische Elite und die Bevölkerung trennt, sehr verschieden sind. Während Empfänger staatlicher Transferleistungen nicht nachvollziehen können, dass in Berlin monatelang über die gesetzliche Grundlage für die minimale Erhöhung ihrer Bezüge gestritten wird, nehmen die, die sich von der Schwarz-Gelben Koalition Linderung ihrer Abgabenlast erhofft hatten der Regierung übel, dass diese nicht in der noch 2009 versprochenen Konsequenz wirtschafts- und steuerpolitische Reformen in Angriff nimmt. Dazwischen macht es sich eine wachsende Zahl chronisch Verunsicherter, aufgrund mangelnden Zutrauens in die Kompetenz der regierenden Politiker, drängende gesamtgesellschaftliche Probleme zu lösen, in der angenehm unkontroversen Welt der Grünen bequem. Und da sind nur einige, willkürliche Beispiele. Sie verbindet nichts, außer das Unverständnis und die Frustration über die Art, wie sich Politik in ihren eigenen Lebensrealitäten darstellt.
Offensichtlich gelang es Guttenberg zumindest bei entscheidenden Teilen dieser heterogenen Gruppe von Enttäuschten Liebhabern den Eindruck zu vermitteln, er stehe außerhalb des politischen Systems, dem so viel offenes Misstrauen entgegen schlägt. Tatsächlich scheint ihm dabei das Kunststück gelungen zu sein, sich erst als Heilsbringer und dann als Märtyrer zu stilisieren und so eine Solidarisierung auszulösen.
Hier beginnt das Dilemma, in dem sich die politischen Schwergewicht in Deutschland aktuell befinden. Forcieren Opposition und innerparteiliche Gegner weiterhin den Rücktritt des Ministers und folgt irgendwann sogar die Kanzlerin dieser Forderung, kann aus dem Riss schnell ein Graben werden. Es ist alles angerichtet für ein Drama, in dem der vom Volk geliebte Tribun vom neidvollen, politischen Establishment verstoßen wird, um wenig später, getragen auf den Händen der aufrichtigen Bürger, seine triumphale Rückkehr in die öffentliche Arena zu feiern.
Bleibt zu Guttenberg allerdings Verteidigungsminister muss die Frage gestattet sein, wie die Politik in Punkten wie Steuerhinterziehung, Sozialleistungsmissbrauch und ähnlichem, noch an die Aufrichtigkeit der Bürger appelieren will. Wie kann vom Gesetzgeber Befolgung der allgemein gültigen Regeln verlangt und wirksam durchgesetzt werden, wenn dessen Repräsentanten zumindest einen offensichtlich laxen Umgang mit Wahrheit offenbaren?
Ich bin sehr gespannt ob ich meine Wette gewinne. Ich nehme noch Einsätze an…..
Leseempfehlung in der Sache zu Guttenberg
Berthold Kohler hat in der heutigen Ausgabe der FAZ einen Artikel über die Doktorspiele des Verteidigungsministers geschrieben, der in der folgenden Beobachtung endet:
„Er ist ein Profiteur der Politikverdrossenheit und des Rückzugs aus einer als unsicher und unüberschaubar empfundenen Welt ins Private, in der Werte wie Redlichkeit, Verlässlichkeit und überhaupt der „gesunde Menschenverstand“ eine zentrale Rolle spielen. Aber auch diese beschauliche Welt braucht einen, der sich um die kleinen Leute und die großen Fragen kümmert und alles zum Guten richtet, bis nach Afghanistan. Das wird seit langem niemandem mehr so sehr zugetraut wie Guttenberg. Was spielen da schon ein paar vergessene Gänsefüßchen für eine Rolle? „Scheiß auf den Doktor“, empfahl (ihm) die „Bild“-Zeitung. Wohl wahr: Ein Monarch braucht keinen Doktortitel. Auch den bunten Blättern reicht das Adelsprädikat.“
Unbedingt lesen!
Zu Guttenberg oder das Prinzip Berlusconi
Aktuell habe ich mehre Wetten darauf abgeschlossen, dass Minister Karl-Theodor zu Guttenberg nicht zurücktreten wird und ich habe allen Grund zu glauben, dass ich diese Wette gewinnen werde. Wieso? Weil zuGuttenberg ganz offensichtlich die Strategie des italienischen Premiers Berlusconi studiert und die richtigen Schlüsse daraus gezogen hat.
Des Ministers Analyse muss in etwa so ausgesehen haben: In Deutschland herrscht eine wachsende Unzufriedenheit mit der politischen Klasse, die allgemein unter dem Verdacht steht, sich mehr um die Belange der Großindustrie als um die Sorgen des Kleinen Mannes zu kümmern. Dieses Phänomen hat mittlerweile sogar schon eine eigene Wortschöpfung geboren: den Wutbürger. Vor diesem Hintergrund sehnen sich die Deutschen, genau wie ihre italienischen Nachbarn, nach Authentizität, Gradlinigkeit und einer Mischung aus Unangepasstheit und politischer Unkorrektheit. Zu Guttenberg hat es verstanden, sich in den vergangenen zwei Jahren exakt entlang dieses Anforderungsprofils zu positionieren und dabei offensichtliche Widersprüche auf geradezu magische Art und Weise zu transzendieren. Er ist Aristokrat und somit per se nicht an eventuellem Zugewinn an Prestige und Macht durch das politische Amt interessiert, was den Eindruck vermittelt, ihm ginge es vorrangig um das Gemeinwohl und nicht die eigene Karriere. Gleichzeitig verkörpert er in Sprache und Auftreten ein elitäres Standesbewusstsein, das ihn nochmals deutlich von seinen Kollegen in Berlin, und denen seiner Partei sowieso, abhebt. Schließlich versteht er es, zu menscheln. Er fliegt samt Gattin zu den Soldaten nach Afghanistan, um gemeinsam mit Ihnen das Kantinenessen der Feldküche zu genießen und ja, auch er hat unter der Unausgeglichenheit seiner Work-Life Balance derart zu leiden, dass es beim Verfassen seiner Doktorarbeit zu Fehlern gekommen ist. Komplettiert wird das „Programm Berlusconi“ durch die Schelte der sogenannten Hauptstadtmedien, die ja ohnehin keine Ahnung über die Sorgen der Menschen draußen auf dem Land haben und sich deshalb an solchen Lappalien wie dem Plagiatsvorwurf aufhängen würden.
Zwar sind die Deutschen noch nicht in dem Maße kollektiv einer medialen Gehirnwäsche unterzogen worden wie die Italiener in den vergangenen 20 Jahren. Dennoch denke ich, dass die Strategie des Verteidigungsministers aufgehen und ihm die Sicherung seines politischen Postens bescheren wird. Italien war schließlich schon immer das Land unserer Sehnsucht!
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